Schlüssel drehen und losfahren geht beim Dampfschiff nicht. Maschinist und Heizer sind gut zwei Stunden lang damit beschäftigt, die Dampfmaschine in Betrieb zu nehmen.
Rolf Riesen und Sandro Kaderli steigen die Leiter hinunter in den Maschinenraum, ihr Arbeitsplatz für die kommenden Stunden im Bauch des Dampfschiffs Blümlisalp. Sie sind die ersten der sechsköpfigen Crew, die an Bord gekommen sind. Am Abend werden sie die letzten sein, die das Schiff verlassen.
Es ist überraschend frisch im Maschinen raum. Der Kessel wird über Nacht nicht geheizt, der Druck darin ist von 11 auf 7 bar gefallen. Das ist eher viel und hängt damit zusammen, dass die Blümlisalp am Vorabend nicht auf der Feierabendfahrt war und dass heute draussen frische Temperaturen herrschen. Der schwarze Mantel der Zylinder fühlt sich lauwarm an. Während der Fahrt wird er so heiss werden, dass man darauf eine Pizza backen kann.
Rolf und Sandro haben sich im Maschinenraum umgezogen und tragen nun das typische dunkelblaue T-Shirt mit Namens aufdruck und die hellblaue Hose. Sie sind beide Maschinisten, allerdings übernimmt Sandro Kaderli heute die Aufgaben des Heizers. Beide folgen nun genau fest gelegten Touren mit eingeübten Handgriffen. Nichts darf vergessen werden. Bleibt ein Ventil zu oder ein Lager ohne Schmieröl, kann das die Dampfmaschine beschädigen.
Der Maschinist setzt eine Kanne Schmieröl auf eine elektrische Kochplatte. Es ist Heissdampföl, das im Gegensatz zum normalen Schmieröl (z. B. in den Tropfölern) erst bei 300 Grad und nicht bereits bei 150 verbrennt. Allerdings ist es bei Zimmertemperatur eine zähe Masse und wird erst beim Erwärmen flüssig. Später wird es direkt in den Hochdruckzylinder gepumpt.
Der Heizer klettert durch die Dampfmaschine und poliert die jetzt schon glänzenden Metallteile. Denn der Schein trügt: Es geht bei seiner Arbeit nicht in erster Linie um den Glanz, sondern darum, Staub und weiteren Schmutz wie zum Beispiel Haare zu entfernen. Diese könnten die Ventile der Tropföler verstopfen. Zudem kontrolliert er die Maschine so auf allfällige Schäden.
Der Maschinist öffnet auf dem Hauptdeck die beiden Türen zu den Schaufelrädern, turnt auf den roten Stangen übers Wasser in den Radkasten und sucht das Schaufelrad nach Schäden ab. Tatsächlich hat Schwemmholz eine Stange leicht verbogen. Die Reparatur kann bis zur Winterpause warten. Er kontrolliert die Schmierung der Achse, die über zwei Schmierautomaten mit natürlich abbaubarem Fett erfolgt. Die übrigen Lager am Schaufelrad müssen nicht geschmiert werden. Es sind Kunststofflager, die alle zwei Jahre kontrolliert und wenn nötig ersetzt werden.
Nun greift auch der Maschinist zu den Putzlappen und reinigt und kontrolliert die Dampfmaschine aussenherum. Er verwendet dabei wie der Heizer zwei Putzlappen: Einer ist dunkel und mit Petroleum getränkt. Zum Schutz vor Rost wird kein Wasser verwendet. Mit einem trockenen Lappen wischt er nach. Dieser ist hell, damit man besser sieht, was alles aufgewischt wurde. Fände er Eisenspäne, würde das Schiff nicht fahren, denn sie deuteten auf einen Schaden an der Dampfmaschine hin.
Über Nacht und bis jetzt wurde das Dampf schiff über ein Kabel mit Strom vom Land versorgt. Nun schaltet der Heizer den bordeigenen Stromgenerator ein. Die Elektronik gleicht das bordeigene und das Landstromnetz aneinander an und schaltet schliesslich ohne Unterbruch um. Die Blümlisalp produziert nun ihren eigenen Strom.
Der Heizer entnimmt dem Dampfkessel eine Wasserprobe. Diese wird mit Seewasser auf 25 Grad abgekühlt, damit die Werte über Tage und Wochen vergleichbar sind. Gerade im Sommer ist das gar nicht so einfach, wenn der See selbst kaum kühler als 25 Grad ist. Gemessen wird vorab der Leitwert des Wassers im Dampfkessel.
Während die meisten beweglichen Teile der Dampfmaschine permanent automatisch geschmiert werden, muss der Maschinist einige Teile von Hand einölen, zum Beispiel den Regulator oder die Schlammhähnen. Das macht er einmal pro Tag.
Bevor das Wasser in den Dampfkessel geleitet wird, wird es aufbereitet und gereinigt. Dennoch können sich am Kesselboden Ablagerungen bilden. Diese werden nun entfernt, indem der Heizer ein Ventil unten am Kessel öffnet. Vom hohen Druck werden die Ablagerungen aus dem Kessel gespült. Das Abschlammen wird während der Fahrt wiederholt und ist für aufmerksame Passagiere als Knacken und Schlagen hörbar.
Der Heizer öffnet den Hauptdampfhahn. Dieser befindet sich hinter der grünen Verschalung unter der Treppe zur ersten Klasse. Weitere Ventile versperren dem Dampf den Weg zur Maschine.
Der Heizer vertäut das Schiff mit einem zusätzlichen Stahlseil. Später, wenn die Dampf maschine zum Leben erwacht, wird es das Schiff an Ort und Stelle halten. Da wird sich zeigen, wie effizient die Schaufelräder sind: Schon bei langsamer Drehung wird das Dampfschiff kräftig am Stahlseil ziehen.
Der Heizer zieht den Stecker zum Stromnetz und verstaut das dicke orange Kabel mit dem fünfpoligen Stecker.
Jetzt ist Zeit für einen Kaffee. Die Mannschaft trifft sich in ihrer Kabine auf dem Hauptdeck.
Der Maschinist öffnet jetzt die Ventile der 63 Tropföler.
Über ein Entwässerungsventil lässt der Heizer Dampf ab und bläst so Kondenswasser aus den Leitungen. Gerade bei kühlen Temperaturen ist die Dampfwolke neben dem Schiff gut sichtbar und ein dankbares Sujet für Fotografen.
Jetzt beginnt für den Maschinisten der anstrengendste Teil: Damit sich im Zylinder möglichst kein Kondenswasser bildet, wird vorerst nur wenig Dampf hineingeblasen. Dieser reicht nicht aus, um die Maschine ganz zu drehen. Sie wippt bloss ein bisschen in die eine Richtung.
Der Maschinist steuert die Maschine nun auf rückwärts um. Dazu muss er das Rad am Steuerstand ein paar Mal herumdrehen. Die Maschine wippt jetzt ein wenig in die andere Richtung. Das Spiel wiederholt sich etwa ein Dutzend Mal. Die Bewegungen der Maschine werden immer länger.
Nun ist es so weit. Die Maschine schafft die erste ganze Umdrehung und wird nun etwa eine Viertelstunde lang langsam laufen und aufgewärmt.
Die Dampfmaschine ist nun warm genug. Sie wird abgestellt und das zusätzliche Stahlseil wieder entfernt.
Alles ist bereit. An der Ländte stehen die Passagiere schon Schlange, die ersten können nun einsteigen.
Der Maschinist stellt die Sackuhr im Maschinenraum ein. Er ist dafür verantwortlich, dass die Blümlisalp den Fahrplan einhält. Dazu lässt er die Dampfmaschine etwas schneller oder langsamer laufen.
Mit einem Dampfpfiff kündigt der Kapitän die Abfahrt an. Die Matrosen lösen die Seile, der Maschinist schiebt den Dampfregler nach vorne, die Schaufelräder beginnen sich zu drehen.