Im Jahr 1949 setzte sich der alte Raddampfer Giessbach für eine besondere Fahrt in Bewegung – mit einer Gruppe junger Frauen des Instituts «Burg» in Iseltwald, die nach dem Besuch eines Symphoniekonzerts zurück nach Iseltwald reisten.
Es ist später Abend, die Abfahrt war befohlen auf 23.15 Uhr mit Ankunft im Fischerdorf um Viertel vor Mitternacht. Der verantwortliche Schiffführer Wellenreiter ist es sich gewohnt: Wenn der Fahrplan Abfahrt zur Minute 15 vorsieht, dann wird er auch genau zur Minute 15 das «langsam vorwärts» ins Sprachrohr rufen. Dort unten öffnet Maschinist Rüegsegger den Hauptdampfregler, zieht gleichzeitig die Schlammhahnen. Die oszillierende Dampfmaschine beginnt zu drehen, etwas träge zu Beginn, dann schön gleichmässig. Heizer Grossmann wirft eine Schaufel Kohlen auf, prüft Wasserstand und Dampfdruck. Oben, auf Deck, in den beiden Kajüten, im überdeckten Bereich zwischen den Radkasten, haben die jungen «Töchter» Platz genommen, jene jungen Frauen, die in Iseltwald das Institut besuchen. Sie sind der Grund der nächtlichen Fahrt über den glatten See. Zur gesamtheitlichen Bildung gehört 1949 Kultur, zumindest im Institut «Burg» in Iseltwald.
1949. Der Krieg liegt zurück, der Tourismus erholt sich, im Kur- und Fremdenort Interlaken flanieren wieder Gäste. Während des Krieges prägte feldgrün das Bild. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee und seine Stabsoffiziere waren in den Hotels einquartiert. Welcher Gegensatz dazu jetzt, nur vier Jahre später: Im Kursaal werden sommerliche Symphoniekonzerte geboten. Die Gelegenheit, um die jungen Damen an die Hochkultur heranzuführen. Nur – wie kommt man zum abendlichen Musikgenuss nach Interlaken und wieder zurück ins Institut? Iseltwald, das Dorf an der linken Seeseite, ist nur per Schiff erschlossen, im Sommer ab Brienz und Interlaken immerhin mit je sieben Anfahrten, erste Abfahrt ab Iseltwald um 07.03 Uhr, letzte Rückfahrt ab Interlaken Ost um 18.30 Uhr oder ab Brienz um 18.45 Uhr. Die Hinfahrt aufs Bödeli war somit gesichert – aber wie nach dem Schlussapplaus im Kursaal zurück? Die Institutsdirektion telefonierte mit der Betriebsleitung des Schiffsbetrieb in Interlaken und bestellte eine Extrafahrt, zu später Stunde, von Interlaken nach Iseltwald.
Das einzige Motorboot der Flotte, die MS Iseltwald, war zu klein. Der Einsatzplaner mag wenig begeistert gewesen sein, aber es blieb ihm nicht anderes, als eines der beiden Dampfschiffe vorzusehen, die gleichentags im Einsatz waren, den Glattdeckdampfer Giessbach oder das Salonboot DS Brienz. Der «Giessbächel», wie er vom Personal genannt wurde, kam zum Zuge. 5 Mann Besatzung erhielten daher die Order, dass nach der letzten Kursfahrt, Interlaken Ost an 19.57 Uhr, nicht der Feierabend wartete, sondern nach einer Wartepause bis gegen 23.00 Uhr noch die Extrafahrt zu leisten war.
Ist es wahr? War es so oder hätte es so sein können? Herauslesen lässt sich die Fahrt mit dem DS Giessbach aus dem Betriebszirkular Akten-Nummer 453 B/49, datiert 14. Juli 1949. Durch einen glücklichen Zufall konnte Mitte der 1970er Jahre ein kleiner Ringordner vor dem Abfall gerettet werden. Auf dem Dachboden in der Werft Interlaken wurde geräumt, Grümpel entsorgt. Der aufmerksame Ländter wusste um das Interesse eines Schülers, der sich an der Ländte zeigte, sich als Ländtergehilfe ein kleines Sackgeld verdiente und ihm ab und zu den Spätkurs bediente, damit er etwas früher seinem Hobby frönen konnte. Und so blieben gut 100 Dienstbefehle von 1949, handgezeichnete Grafikfahrpläne der Jahre 1948 und 1949 und zwei Original-Kesselbücher erhalten, kamen letzten Winter nach langem Lagern wieder zum Vorschein und erzählen nun mehr als nur von Kurseinsätzen.
Mit etwas kombinieren lässt sich viel aus den nüchtern-trockenen Papieren herauslesen. So ordnet der Befehl 453 B/49 für die Spätabendfahrt mit DS Giessbach an: «Der Ländter von Iseltwald sorgt für Vorschriftsmässige Beleuchtung der Station Iseltwald, die Werft für diejenige der Aare und der Ländte Interlaken – Brsee». Nun, heute lässt sich eine Beleuchtung per Smartphone von irgendwo her einschalten. 1949 musste dafür «jemand» vor Ort den Schalter drehen. Auf der Betriebsdirektion regelte man selbstredend auch die Personalzuteilung. Zur Nachtfahrt zugeteilt wurden «Wellenreiter, Stähli III, Zwahlen, Rüegsegger und Grossmann», je mit dem Vermerk «3432/985 und Extrafahrt», für Grossmann».
Der Blick in den Grafikfahrplan für 1949 zeigt, dass 3432 für den Kurs Interlaken Ost ab 13.30 Uhr steht, 976 für Interlaken Ost ab 09.41. Heizer Grossmann legte somit viertel vor Zehn am Morgen erstmals beim «Langsam vorwärts» Kohlen nach und war mit Sicherheit froh, als er nach nächtlicher Rückkehr in Interlaken Ost um 00.18 Uhr die Schaufel versorgen und die Kaminklappe schliessen konnte. Auch das Kommerzielle wurde nicht vergessen: Das Institut «Burg» hatte «einen Minimalgarantiebetrag von Fr 90.—zu leisten (60 gewöhnliche Retourbillette Iseltwald–Interlaken à Fr 1.50 = Fr 90.-)». Der Kassier hatte das «mittelst Koll. Billet» zu verrechnen und damit auch das noch geklärt war: «Solches ist mit dem Spezialbericht anher zu senden». Immerhin: Wären zufällig sonst noch Nachtausflügler aus Iseltwald zu später Stunde in Interlaken gewesen, dann hätten diese mitfahren dürfen, auf der Extrafahrt, wenn «sie ein gewöhnliches einfaches oder Retourbillet zur Hand» gehabt hätten. Es ist anzunehmen, weil nicht geregelt, dass die Teilnahme am Symphoniekonzert nicht Bedingung war.
DS Giessbach (Mehr Infos in der Dampferzeitung)