Kassier Häsler darf singen

Anordnungen aus dem Schiffsbetrieb von 1949 zeigen, wie damals geplant, entschieden und gefahren wurde – und welche Geschichten sich darin verstecken.

Geschichten von 1949

Leadership war 1949 kein Begriff. In der hierarchischen Organisation des Schiffs­betriebs Thuner- und Brienzersee wurde entschieden – und gehorcht. Die rund 100 Anordnungen, die im abgegriffenen grünen Ringordner erhalten geblieben sind, zeigen, wo entschieden wurde und wann zu gehorchen war.

Die Kurszuteilungen wurden jeweils in zwei oder drei Varianten aufgestellt, teilweise kurzfristig noch mit einer Version «D» ergänzt. Das Personal wurde zwei oder drei Tage im Voraus zugeteilt, umdisponiert, in Reserve gehalten oder aus dem geplanten freien Tag an Bord beordert – Ersatzfreitage inklusive. Gefragt wurde nicht, auf Sonderwünsche kaum Rücksicht genommen.

Wittwe Abegglen muss sich beeilen

Für den 26. Januar 1949 wurde das Motorschiff Iseltwald auf eine zusätzliche Fahrt geschickt: Abfahrt Iseltwald 09.08 nach Bönigen (Ankunft 09.30), Rückfahrt um 11.25, Ankunft Iseltwald 11.48. Grund war der Warenmarkt in Interlaken.

Wollte Witwe Abegglen nicht erst um 15.41 zurückfahren, musste sie sich beeilen. Bauer Brunner hingegen gönnte sich nach dem Verkauf seiner Kleintiere vielleicht mehr Zeit.

Die Direktion rechnete ausdrücklich mit Tiertransporten: «Es sind im Spezialbericht über beide Kurse detaillierte Angaben über die Zahl der Teilnehmer (Erwachsene und Kinder ausgeschieden), vorgewiesene Billette und evtl. Tiertransporte zu machen.»

Und etwas gilt bis heute: Schiffe fahren wie Züge – pünktlich, auf die Minute. Sonderfahrt ab Iseltwald nicht 09.00 oder 09.05, sondern 09.08.

Karfreitag und Verkaufsförderung

Mit Order No. 174/B legte der Sekretär «/K» für den 15. April 1949 drei Varianten fest.

  • Variante A bei ungünstigem Wetter: «Niesen», «Oberhofen», «Thun».

  • Variante C bei schönem Wetter: zusätzlich «Beatus», «Bubenberg», «Stadt Bern».

Für jedes Schiff wurde eine Mannschaft festgelegt – nach heutiger Lesart «auf Pikett». Entschieden wurde am Tag selbst um 08.00 Uhr. Informieren musste sich jeder selbst bei der Schiffsstation Thun, die «zur Auskunftgabe» besetzt war.

Auch Verkaufsförderung war Thema: «Erster Ausgabetag von Tageskarten» steht auf dem Befehl.

Sommerlich warme Ostern

Der Nachtrag No. 185 B/49 hält fest: «Mit Rücksicht auf die aussergewöhnlich schöne und sommerlich warme Witterung und um grosse Verspätungen nach Möglichkeit zu vermeiden wird noch eine Variante D aufgestellt.»

Acht Supplementskurse wurden angeordnet, und sogar DS Helvetia sollte aufgeheizt werden – angeordnet am Karfreitag, 15. April.

Kassier Häsler II darf singen

Häsler II hatte Freude am Gesang. Ungünstig nur, dass er am Sonntag, 15. Mai 1949, Dienst auf dem MS Iseltwald hatte – und gleichzeitig in Ringgenberg der Sängertag stattfand.

Weil zudem in Meiringen der Oberländische Musiktag gefeiert wurde, war mit Reisen zu rechnen. Einen freien Sonntag konnte der Betriebsdirektor nicht bieten, aber «chli entgäge cho» schon:

«Wenn keine Extrafahrten, kann Häsler II zwischen den Kursen 3401/3448 zum Besuche des Sängertages in R’berg frei machen.»

Leadership 1949 eben.

Auch Bänker haben zu zahlen

Am 16. Mai 1949 war für die Delegierten der schweiz. Darlehenskassen (Raiffeisen), rund 1500 Personen, eine 1¾‑stündige Rundfahrt auszuführen. Eingesetzt wurden «Lötschberg», «Brienz», «Giessbach» und «Iseltwald».

Die Kapazitäten waren «auf keinen Fall zu überschreiten»:

  • Motorboot: 60 Personen

  • Flaggschiff: 780 Personen

Die Ländtenbenützung war genau geregelt, ebenso die Geschwindigkeit des DS Lötschberg, damit alle Schiffe in kurzer Distanz folgen konnten und die Fahrt «unter allen Umständen» um 15.15 Uhr endete.

Auch das Controlling war präzise: «Jeder Teilnehmer ist im Besitze eines Gutscheins … Mittels Farbe ist die Schiffszuteilung geregelt … Die Zahl der Einsteigenden ist genau abzuzählen …»

Beflaggung und Sonderbericht waren ebenfalls festgelegt.

Zwei Crew-Mitglieder 1949 vor dem Schiffssteuer

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