DS BLÜMLISALP

Riss im Guss

Bei den winterlichen Routinearbeiten fiel auf, dass ein seit fünf Jahren bekannter Riss in einem der beiden Kolben der Dampfmaschine sich überraschend deutlich vergrössert hat. Der Original-Kolben von 1906 muss darum ersetzt werden – ein komplexes Unterfangen.

Unerwartete Vergrösserung

Winter für Winter ist ein kaum bekannter Effort nötig, damit unsere Raddampfer Blümlisalp (Baujahr 1906) und Lötschberg (Baujahr 1914) nach Fahrplan ab Mai wieder täglich auslaufen können. Es existieren kaum «Bedienungsanleitungen». Das Wissen über die Dampfschifftechnik wird von Generation zu Generation weitergegeben, gepaart mit Berufsstolz und Handwerkskunst. Zu dieser Handwerkskunst gehören auch regelmässige Routinekontrollen. Diesen Winter entdeckte man eine unerwartete Vergrösserung eines bekannten Risses im einen Original-Kolben aus dem Jahr 1906. Der Kolben – das Herzstück einer Dampfmaschine – ist ziemlich gewichtig, mit der Kolbenstange in der Mitte. Auf diese Scheibe drückt der Dampf, wirkt die ganze Kraft, die über die Kolbenstande die Kurbelwelle bewegt.

Komplexes Unterfangen

Der Kolben ist Handwerkskunst aus der Belle Epoque. Seither hat sich die Technik verändert, die produzierenden Betriebe für benötigte Komponenten auch.  Ingenieure, Mechaniker, Schlosser, Metallfachleute, Bewilligungsbehörden und weitere Männer und Frauen müssen sich nun der nicht alltäglichen Herausforderung stellen und für einen neuen Kolben sorgen. Fragen tauchen auf: Wie bringt man den Kolben aus dem Schiffsrumpf? Wer könnte ihn als Experte begutachten, welche Firma einen Ersatz herstellen? Existieren noch Pläne oder Berechnungen? Wer bewilligt was? Und nicht zu vergessen: Wie lange dauert dieser Ersatz und wann kann mit einem Einsatz des DS Blümlisalp gerechnet werden?

Seltener Einblick

Rolf Riesen nimmt uns mit ins Schiffsinnere. Selbst für ihn, der die Dampfmaschine im Sommer bedient und im Winter revidiert, ist dieser Anblick aussergewöhnlich. Wir befinden uns unterhalb der Bar im Vorschiff. Einder der beiden Zylinder steht offen und erlaubt einen seltenen Blick in das «Rohr» mit 1,15 Meter Durchmesser, in dem normalerweise der Dampf einen Kolben hin- und herbewegt und damit die Welle und die Schaufelräder antreibt. «Vor 5 Jahren entdeckten wir einen feinen Riss im Kolben und untersuchten ihn mit Röntgentechnik», erklärt Rolf Riesen. Bei der jährlichen Kontrolle stellte er fest, dass sich der Riss unerwartet stark vergrössert hat. Der Kolben, eine 640 Kilogramm schwere, runde Scheibe, muss ersetzt werden. Riesen vermutet Materialermüdung als Ursache.

Tradition trifft auf Moderne

In einem Kraftakt wurde der defekte Kolben durch die Öffnung, durch die auch wir geklettert sind, aus dem Maschinenraum gehoben. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs befindet sich der Kolben in einem Unternehmen, das ihn «kopieren» kann. Dabei trifft Tradition auf Moderne: Der alte Kolben wird gescannt, ein Computermodell erstellt. Mit diesen Daten fertigt ein 3D-Drucker eine Gussform für den neuen Kolben an. Mit dem gleichen Verfahren wurde bereits im Winter 2019/20 der defekte Steuerblock des Dampfschiffs Lötschberg neu gegossen.

Ungünstiger Zeitpunkt

Der Kolbenschaden kommt zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt, weil in diesem Winter planmässig die Brenner- und Kesselsteuerung aus dem Jahr 1992 erneuert wird (hier berichten wir darüber). «Entscheidend ist das Zusammenspiel von Brenner, Kessel, Dampfmaschine und Steuerung», erklärt Rolf Riesen. Dieses Zusammenspiel muss eingestellt und überprüft werden, was nur mit einer funktionierenden Dampfmaschine möglich ist. Der Komplettersatz der Elektronik mit allen Messsonden und Kabelsträngen – Ersatzteile für die alte Steuerung gibt es keine mehr – kann also erst fertiggestellt werden, wenn auch die Dampfmaschine mit dem neuen Kolben wieder bereit ist. Die Brenner- und Kesselsteuerung sorgt dafür, dass immer genügend Dampf für die Maschine bereitsteht. Diese wird im Kessel erzeugt. Wenn das Schiff an der Ländte wartet, sinkt der Dampfverbrauch und der Brenner muss aufhören zu heizen, damit der Druck im Kessel nicht zu stark ansteigt. Während der Fahrt muss das verdampfte Wasser nachgefüllt werden.

Touchpads für über 100-jährige Technik

Wenn nach diesem turbulenten Winter in der Werft alles geschafft ist, wird sich das Maschinenpersonal neu zentral auf 3 Bildschirmen einen Überblick über die Dampfproduktion verscahffen und bei Bedarf eingreifen können. Im Bauch der Blümlisalp arbeitet dann die über 100-jährige anschauliche Technik der Dampfmaschine Hand in Hand mit den Touchpads der Gegenwart.

Ihre Spende ist sehr willkommen

Der zu ersetzende Kolben ist das Original aus dem Jahr 1906. Wenn der mit Ihrer Unterstützung finanzierte neue Kolben wieder 118 Jahre seinen Dienst tut, wird Ihr Engagement als wahrhaft nachhaltig in die Geschichte eingehen. Herzlichen Dank.

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