«Schifffahren ist Freiheit»

Im Steuerhaus der Feingeist, im Maschinenraum der Mann fürs Grobe: Patric Lüthi ist der neue Kapitän auf dem Dampfschiff Lötschberg.

Kapitänsprüfung

Patric Lüthi freut sich auf die Kapitänsprüfung. Kaum sind an diesem frühen Herbstmorgen die letzten Aufgaben verteilt – er durfte die Crew selbst bestimmen – steht er schon im Steuerhaus, lässt die Pfeife ertönen und steuert das Dampfschiff Lötschberg über die Aare zum Brienzersee. «Ich bin pingelig mit mir selbst», sagt Lüthi. «Wenn ich etwas mache, dann richtig. Da setze ich mich unter Druck.» Aber er weiss auch, dass er unter Druck abliefern kann. Hoffentlich auch dieses Mal.

Bubentraum fast verwirklicht

Rückblickend scheint sein beruflicher Weg ins Steuerhaus eines Schiffes vorgezeichnet. Als Kind nahm ihn sein Vater mit zum Wasserfahren auf die Aare in Bern. Bei diesem Traditionssport geht es darum, ähnlich wie bei den Pontonieren, einen Weidling mit Stachel und Ruder geschickt und schnell über das Wasser zu bewegen. Doch Lüthi träumte davon, Pilot zu werden und begann deshalb eine Lehre als Polymechaniker bei einem Unternehmen, das Geräte für die Medizinaltechnik herstellte. «Mein grösstes Werkstück war damals nicht grösser als ein Küchenbrett», erinnert er sich schmunzelnd. Heute, als Leiter Mechanik in der Werft Interlaken, hat er es gerade im Maschinenraum der «Lötschberg» mit weitaus grösseren Teilen zu tun. «Das Finöggelizüüg überlasse ich nun gerne anderen.» 

Anheuern bei der Schifffahrt

Wegen seiner Erfahrung im Wasserfahren kam er in der Rekrutenschule zu den Bootsschützen und erlernte auf einem Patrouillenboot auf dem Vierwaldstättersee weitere nautische Fähigkeiten wie Funk, Radar und Navigation. Später bildete er als Fachoffizier selbst neue Soldaten aus. «Da wurde es für mich klar, dass ich in der Schifffahrt arbeiten will», sagt Lüthi. Die Hochseeschifffahrt kam für ihn jedoch nicht in Frage, da er seiner Heimat nicht den Rücken kehren wollte. So heuerte er bei der BLS Schifffahrt auf dem Brienzersee an und durfte schon bald als Heizer im Maschinenraum des Dampfschiffs Lötschberg arbeiten. Heute steht er als Steuermann auf der anderen Seite des Sprachrohrs. «Es ist ein Vorteil, dass ich beide Seiten kenne.» 

Vorfall bei der Kapitänsprüfung

Bald ist die beschauliche Fahrt auf der Aare vorbei und es folgt ein Erlebnis, das Lüthi so schnell nicht vergessen wird: Vor Bönigen fällt das Ruder am Heck aus und er muss das Dampfschiff rückwärts mit dem Ruder am Bug an die Ländte steuern. Für ihn ein alltägliches Manöver, denn auch im regulären Fahrplanbetrieb wird die Ländte in Bönigen rückwärts angefahren. In Ringgenberg muss er das Schiff durch dichten Nebel navigieren. Bei Giessbach fällt ein Mann über Bord. Ihn zu retten ist ein besonders schwieriges und gefürchtetes Manöver auf dem Dampfschiff: Wer es vergeigt, fällt durch die Prüfung. Dann tritt im Maschinenraum Dampf aus, in der Küche brennt es, ein Passagier braucht ärztliche Hilfe. Lüthi kennt die Manöver auswendig, er hat sie vor Jahren schon bei der Prüfung zum Schiffführer auf den Motorschiffen fahren müssen. Entsprechend achtet der Prüfungsexperte besonders darauf, wie Lüthi mit dem Dampfschiff und der Crew umgeht. 

«Es ist wichtig zu wissen, welche Optionen man hat», sagt Lüthi. Denn echte Notfälle verlaufen selten nach Drehbuch. Das hat er bei der Rettung von zwei Seglern gelernt. Ihr Boot war gekentert. Der Wind blies so stark, dass die Besatzung nicht wie in einem solchen Fall üblich mit dem Passagierschiff neben das gekenterte Boot steuern konnte. «Es wäre zu gefährlich gewesen, so nahe heranzufahren», erzählt Lüthi. Schliesslich gelang es der Crew, die verunglückten Segler mit Rettungsringen an Bord zu ziehen. 

Prüfung bestanden!

Endlich liegt der Dampfer wieder in Interlaken an der Ländte, der Druck fällt ab, die Prüfung ist bestanden, die Crew gratuliert. «Ich bin ein emotionaler Typ», sagt Patric Lüthi und zieht sich in den Bug des Dampfschiffs zurück, wo er ein paar Minuten für sich braucht, um den Moment auf sich wirken zu lassen. Bald legt er mit dem Dampfschiff wieder ab zur regulären Kursfahrt. Dann wird er sagen: «Den Kapitänsgrad muss man sich erarbeiten, das ist kein Geburtstagsgeschenk.» Es sei auch eine Verpflichtung: Das historische Dampfschiff zu steuern erfülle ihn mit Ehrfurcht und Stolz. «Als Kapitän wird man in der Gesellschaft anders wahrgenommen.» Die Verantwortung jedoch bleibe die gleiche, die er schon als Schiffsführer auf den Motorschiffen hatte: das Schiff sicher zu führen. Er entscheide, was mit dem tonnenschweren Schiff auf dem Wasser passiert, sagt Lüthi mit leuchtenden Augen: «Darum bedeutet Schifffahren für mich Freiheit.» 

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